„Gott zu den Menschen zu tragen, das ist mein Ziel“

Nachricht 02. Februar 2026

Diakon Jörg Christian Lindemann nach fast 44 Jahren im Dienst in den Ruhestand verabschiedet

Am Sonntag ist Diakon Jörg Christian Lindemann nach fast 44 Jahren im Dienst der evangelisch-lutherischen Kirche in den Ruhestand verabschiedet worden. Warum er sich für den Beruf entschieden, was ihn angetrieben hat und bis heute motiviert, welche Stationen sein Berufsweg hatte und wie er nun die freie Zeit nutzen möchte, darüber spricht der 66-Jährige im Interview.

Bericht über die Verabschiedung

Interview

Frage: Jörg Christian Lindemann, seit 1982 waren Sie in den Evangelisch-lutherischen Kirchenkreisen Melle, Georgsmarienhütte und Osnabrück im Einsatz. Welche Stationen hatte Ihr Berufsweg?

Jörg Christian Lindemann: Nach der Fachoberschule habe ich ein Praxisjahr in der Landwirtschaft und anschließend Zivildienst gemacht. Darauf folgte das Studium der Religionspädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Hannover. Die Anerkennungszeit als Diakon habe ich 1982 und 1983 im Kirchenkreisjugenddienst Melle und in der Petri-Gemeinde Melle absolviert. Von 1984 bis 1995 war ich Kirchenkreisjugendwart im Kirchenkreis Georgsmarienhütte, anschließend Dozent an den Evangelischen Fachschulen Osnabrück für Religion, Religionspädagogik und Einführung in die Arbeit mit dem Computer.

Wann erfolgte der Wechsel in die Gemeindearbeit?

Lindemann: Ab 1999 war ich Diakon in der Petrusgemeinde in Lüstringen, die damals zum Kirchenkreis Georgsmarienhütte gehörte. Hier habe ich gerne mit den Pastoren Ulrich Schürmann, Frieder Marahrens und Matthias Bochow zusammengearbeitet. Zwischendurch hatte ich auch einen Auftrag in der Region für das Freiwilligenmanagement.

In der Petrusgemeinde startete auch die sozialdiakonische Arbeit von „Jedes Kind braucht einen Engel“. Ab wann begann das?

Lindemann: Offiziell begonnen hat die Arbeit mit JKBEE, wie wir es damals abgekürzt haben, im Jahr 2008. Die Idee zu der Arbeit und die Umsetzung von JKBEE waren das Resultat aus der Erfahrung mit Menschen in Armut, die ich unter anderem in der Zeit im Kirchenkreisjugenddienst Georgsmarienhütte gesammelt hatte. Da habe ich Angebote gemacht wie die Kinder-Ferienkirche oder den Kinder-Mitmachzirkus Regenbogen. Das waren Angebote für Kinder, die in den Ferien zu Hause bleiben mussten. Und es war nicht selten, dass Kinder kamen, die sich den Eintritt für den Zirkus nicht leisten konnten. Hier spreche ich über 20 Pfennig. JKBEE war die konsequente Fortsetzung dieser Arbeit. Wenn wir als Kirche rausgehen aus unseren Mauern und Gebäuden, nehmen wir das Leben der Menschen ganz anders wahr und können anders für sie da sein.

Diese Arbeit hat sich nicht nur an die Menschen in der Kirchengemeinde gerichtet?

Lindemann: Genau das war mir wichtig. Das war immer mein Tun – über die Grenzen der Kirche hinauszugehen. Die Kirche ist in einer Blase und oft unter sich. Neben der Arbeit in der Kirchengemeinde war ich mit einer Viertelstelle in der freien Jugendhilfe tätig. Dadurch und durch meine Tätigkeit im Jugendhilfeausschuss des Landeskreises Osnabrück hatte ich einen anderen Blick auf manches außerhalb dieser „Bubble“. Und davon hat auch JKBEE sehr profitiert.

Was genau hat JKBEE angeboten? Und wie ging es für Sie beruflich weiter?

Lindemann: Begonnen haben wir 2008 mit einer Hausaufgabenbetreuung für Kinder in Notlagen. Später kam die Kinderferienbetreuung hinzu. Als ökumenisches Projekt haben wir am Bundesprogramm „Kirche findet Stadt“ teilgenommen hat, das von Diakonie, Caritas und dem Bundesministerium für Städtebau und Stadtentwicklung ausgeschrieben wurde. So gab es die Möglichkeit, Stellenanteile zu finanzieren. 2011 haben wir den ersten sozialen Laden am Stadtweg in Lüstringen eröffnet, der später in die Mindener Straße umzog. Ab 2013 gehörte die Petrusgemeinde nach der Kirchenkreisreform zum Kirchenkreis Osnabrück.

Waren Sie ab 2013 ausschließlich in Lüstringen tätig?

Lindemann: Nein, nicht ausschließlich. Ab September 2019 war ich neben einer halben Stelle in der Gemeinde im Haus kirchlicher Dienste in Hannover für das Thema ländlicher Raum im Arbeitsbereich Gemeinwesendiakonie zuständig. Nach einer Krankheitsphase von 2020 bis 2022 bin ich in die Arbeit zurückgekehrt, aber nicht mehr in die Gemeinde, sondern an anderer Stelle auf Ebene des Kirchenkreises Osnabrück – zunächst für Ehrenamtskoordination und dann auch für den Aufbau der Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt im Kirchenkreis Osnabrück.

Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, Diakon zu werden?

Lindemann: Durch die gute Arbeit, die Diakonin Reinke in den 1970er-Jahren in Bad Essen mit uns Jugendlichen gemacht hat. Dort bin ich aufgewachsen und habe die Zeit in meiner Heimatgemeinde genossen. Ich bin gewachsen durch das Ehrenamt, weil wir als Jugendliche schon Verantwortung übernehmen durften. Dorothea Reinke hat uns Raum gegeben, gefordert, angeregt und daraus ist mein Motto oder Leitwort als Diakon geworden: „Menschen Raum geben“. Wir waren Kinder der Kriegsgeneration und brauchten Orientierung. Die haben wir in der Gemeinde gefunden.

Welche Aufgabe hat Ihnen besonders viel Freude bereitet?

Lindemann: Das waren die Aufgaben, bei denen ich aus dem engen Feld oder den Gebäuden der Kirchen rausgehen konnte. Gott zu den Menschen zu tragen, das war und ist mein Ziel. In der Zeit im Kirchenkreisjugenddienst in Georgsmarienhütte bin ich mit den Angeboten und meinem Team durch die Dörfer des Kirchenkreises gezogen. Wir waren eine Woche vor Ort und haben Kinder eingeladen, mit uns eine Zirkusaufführung einzustudieren. Das war eine ganz andere Arbeit im Kirchenkreisjugenddienst, die wir aufgebaut haben. Das war eine Schulung und Stärkung der Gemeinde vor Ort und der Arbeit für Kinder. Ich erwähnte schon, dass sich diese Arbeit mit JKBEE fortgesetzt hat. Dabei lag der Fokus immer auf Armut und Unterstützung für Familien. Denjenigen zu helfen, die mit wenig Geld auskommen müssen, zum Beispiel Eltern beizustehen, die sich mit wahnsinniger Energie für ihre Kinder einsetzen. Und das bedeutet für mich, Gott zu den Menschen zu tragen. Wir stellen uns konsequent an die Seite der Menschen, die uns brauchen. Das war übrigens auch die Reaktion der Menschen in Lüstringen: „Jetzt seid ihr da, wo wir euch brauchen.“ Wir waren in einem Bereich aktiv, der sich später als Gemeinwesendiakonie entwickelt hat innerhalb der EKD. Außerdem waren da Momente wie diese: Ich sitze auf den Altarstufen. Vor mir die Schüler*innen und Kolleg*innen. Früh morgens in der Kirche. Am Tag vorher war ihr Lehrer gestorben, zwei Tage vor seinem Ruhestand. Die ganze Schulgemeinschaft hatte doch schon den Abschied vorbereitet ... „Was können wir jetzt tun?“, war die Frage. Kommt! Wir haben gesungen, gebetet, erzählt. Wir haben eine Kerze im Taufbecken angezündet, weil da sein Weg mit Gott begonnen hat. Haben überlegt, wie sehr er sich immer über die Zeichnungen und Bilder seiner Schulkinder gefreut hat … Das sind Momente, die kann man nicht üben – die kann man nur leben!

Gab es noch andere Themen, die Ihnen wichtig waren?

Lindemann: Das waren zwei Themen. Einmal die sexualisierte Gewalt oder der sexuelle Missbrauch in dieser Kirche. Und zum anderen in der Ehrenamtskoordination die Arbeit für Kirchenvorsteher*innen, Vernetzungsangebote für Ehrenamtliche, auch auf der Ebene des Kirchenkreisverbands. Und dabei auch die Lücke zwischen Kirchenamt und Kirchenvorsteher*innen zu verringern, das hat mich gereizt.

Wissen Sie schon, wie Sie Ihren Ruhestand nutzen werden?

Mit ein paar Stunden in der Woche bleibe ich bis Ende des Jahres der Präventionsarbeit im Kirchenkreis Osnabrück erhalten. Außerdem bin ich derzeit in meinem Wohnort Melle-Buer noch Kirchenvorsteher und Mitglied der Synode des Kirchenkreises Melle-Georgsmarienhütte. Außerdem werde ich Fahrrad fahren als Lungensport, fotografieren, Brot backen und Care-Arbeit zu Hause übernehmen. Sollte dann noch Zeit bleiben, kümmere ich mich um den Garten, werde lesen oder in der Landwirtschaft Beiwuchs regulieren.

Was werden Sie vermissen und was wird Ihnen gar nicht fehlen?

Überhaupt nicht fehlen wird mir die kirchliche Langsamkeit, Unentschlossenheit und Mutfreiheit. Vermissen werde ich meine dienstliche Bürogemeinschaft und die vielen tollen Impulse von Ehrenamtlichen und Kirchenmitgliedern aus allen Generationen.

Wie sieht Ihr Traum für die Kirche der Zukunft aus?

Lindemann: Wir lassen uns nicht mehr von unseren Gebäuden fesseln und werden frei, auf die Straße zu gehen mit Segen. Wir tragen Unterstützung zu den Menschen. Wir leben mit den Menschen, besonders mit denen, die in Angst, in Not oder in Armut leben. Wir wissen um alle Geschlagenen und Missbrauchten in unserer Mitte. Und wenn es für diese Arbeit nötig ist, mieten wir Gebäude. Das wäre eine freie Kirche an der Seite der Menschen. Das wäre mein Traum.

Eine letzte Frage: Warum findet Ihre Verabschiedung in der Petruskirche statt?

Lindemann: Dort war ich die längste Zeit im Dienst. Wegen meiner Krankheit ab 2020 war keine Verabschiedung möglich. Das holen wir nun nach.

Vielen Dank für das Gespräch!