Worte und Taten - Neujahrsgrüße von Dr. Joachim Jeska, Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Osnabrück

Zum Jahreswechsel grüße ich alle Osnabrückerinnen und Osnabrücker ganz herzlich und wünsche allen ein gesegnetes und gutes neues Jahr.

Das Jahr 2016 wird vielen von uns als Jahr des Unfriedens in Erinnerung bleiben. Der jahrelange, unter permanenter Verletzung von Menschen- und Völkerrecht geführte Kampf um Aleppo, das Sterben von Flüchtlingen im Mittelmeer, die Sorge um die politische Kultur und Berechenbarkeit von Entscheidungen angesichts amerikanischer Präsidentenwahl und Brexit-Entscheidung, aber auch die wachsende Kluft von Arm und Reich sowie das Erstarken von antidemokratischen und fundamentalistischen Kräften in unserem Land erschüttern unseren Glauben an die Überlegenheit des demokratischen Systems und seiner Regulations- und Konfliktschlichtungsmechanismen.

Gerade in solchen Zeiten schwindenden Optimismus‘ und ins Wanken geratender Gewissheiten ist unsere Kirche gefragt. Menschen wollen unsere Antworten hören und suchen nach Orientierung, aber auch nach Trost und Zuversicht. Was kann unsere Kirche ihnen anbieten?

Mehr, als wir uns im ersten Moment vielleicht vorstellen können. Machen wir uns bewusst, dass die Stimme der Evangelischen Kirche in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung großes Gewicht hat. So hat die Synode unserer hannoverschen Landeskirche das Papier „Auf dem Weg zu einer Kirche des gerechten Friedens“ verfasst, das die Mitglieder der Synode anlässlich ihrer Ta-gung in unserer Stadt im Rahmen des Reformationsjubiläums im Dialog mit Osnabrücker zivilge-sellschaftlichen Einrichtungen diskutiert und weiterentwickelt haben. Kurz vor Weihnachten veröf-fentlichten Osnabrücker Religionsgemeinschaften auf Initiative von Landessuperintendentin Klos-termeier eine Erklärung, die die politisch Verantwortlichen zur sofortigen und bedingungslosen humanitären Hilfe für die Menschen in Syrien auffordert. Und als Reaktion auf den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt luden der Osnabrücker Schaustellerverband, die Stadt Osnabrück und unser Kirchenkreis ein zu einem spontanen Gedenken vor der Marienkirche.

Nichts als Worte anlässlich von Gewalt und Unfrieden? Unterschätzen wir nicht die Kraft unserer Worte, mit denen wir uns für friedliche Verhältnisse einsetzen! Unsere Macht ist die des Wortes, dem das Handeln vieler Christinnen und Christen folgt, beispielsweise durch tatkräftiges Engage-ment vieler Ehrenamtlicher in der Flüchtlingshilfe oder der Unterstützung Schwächerer. Dies ist Ausdruck konkreter praktischer Friedensarbeit.

Unsere breite gesellschaftliche Verankerung lässt uns dabei spüren und verstehen, was Menschen beunruhigt und besorgt. Diese Verunsicherungen und Bedenken wollen wir wahrnehmen und hö-ren, damit wir diejenigen, die sie äußern, nicht den Vereinfachern und Populisten mit ihren simplen Scheinlösungen überlassen. Wir wollen die Chance nutzen, alle und gerade auch diese Menschen einzubeziehen und für unsere Perspektive zu gewinnen. Und wir wollen ihnen durch unser Han-deln, durch unsere Worte und unseren Glauben Mut machen, dass es sich lohnt, für unsere freiheit-liche Gesellschaft einzustehen und unser Gemeinwesen vor einem Klima von Argwohn, Verängsti-gung und Terrorfurcht zu schützen. Denn Brücken bauen und Zuhören heißt nicht, allen Recht zu geben und keinem zu widersprechen, um bloß niemanden zu verprellen. Im Gegenteil: wir müssen für unseren friedenspolitischen Standpunkt und unser bedingungsloses Einstehen für ein friedliches Zusammenleben werben und Überzeugungsarbeit leisten – auch dann, wenn sie unbequem ist und uns selbst fordert. Vertrauen wir dabei auf die Überzeugungskraft unseres Wortes in Verbindung mit unserem Handeln!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns ein friedlicheres neues Jahr, als es das vergangene Jahr war.

Herzlichst Ihr
Dr. Joachim Jeska, Superintendent