Von der Freiheit eines Christenmenschen - Selbstbestimmung in Pflege und Demenz

Im Diakonie-Wohnstift am Westerberg in Osnabrück diskutierten darüber Sabine Weber, Geschäftsführerin der Diakoniewerk Osnabrück gGmbH, Dr. Gisela Löhberg, Leiterin der Selbsthilfegruppe Pflegende Angehörige Osnabrück und Vorsitzende des Kirchenkreistages Osnabrück, Dr. Elke Hotze, Professorin für Pflege- und Sozialwissenschaften an der Hochschule Osnabrück und Dr. Ulrich Kuhnke, Professor für Praktische Theologie und Ethik an der Hochschule Osnabrück (von links nach rechts). Die Moderation hatte Michael Eberstein (ganz links). Anlass für die Veranstaltung war die Jahrestagung der Initiative für evangelische Verantwortung in der Wirtschaft – Regionalgruppe Osnabrück.

Der Verein Initiative
Der Verein Initiative ist Mitglied im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung in Deutschland. Im Jahr 1996 haben sich evangelische Unternehmer und Firmenchefs zusammengefunden, um Unternehmern aus osteuropäischen Ländern mit Praktika beim Aufbau der Betriebe und der Gesamtwirtschaft in ihren Heimatländern zu unterstützen. Bundesweit verfügt der Verein über knapp 700 Mitglieder, darunter auch zahlreiche kirchliche und diakonische Unternehmen und Einzelpersonen. Dr. Volker Heise ist der Sprecher der Osnabrücker Regionalgruppe.

Das Diakonie-Wohnstift am Westerberg
Einrichtungsleiter Christoph Meier informierte über das Stift mit seinen 190 Wohnungen. Das Angebot bestehe aus drei Bausteinen: dem betreuten Wohnen in individuellen Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen von knapp 40 bis über 120 Quadratmetern, dem Pflegewohnen sowie dem sogenannten Pflegehotel für kurzzeitige Unterbringung, etwa nach Krankenhausaufenthalten oder während der Urlaubszeit pflegender Angehöriger. Für Demenzpatienten gebe es in einem der drei Häuser eine "Regenbogenallee", zu der ein 100 Quadratmeter großes Gemeinschafts-Wohnzimmer gehöre.

Ausführlicher Bericht über die Veranstaltung
"Wir müssen eine sorgende Gesellschaft werden." Davon zeigte sich Sabine Weber von der Diakonie in Osnabrück (DiOS) in einer Podiumsdiskussion zum Thema "Selbstbestimmung in Pflege und Demenz" überzeugt. Professorin Elke Hotze stimmte ihr darin zu: "Wir haben gar keine andere Chance." Demenz werde alltäglich: "Die Menschen werden älter, aber 40 Prozent der über 90-jährigen sind dement." Zu der Diskussion hatte die Osnabrücker Regionalgruppe des evangelischen Vereins Initiative in der Wirtschaft eingeladen. Elke Hotze lehrt an der Hochschule Osnabrück im Fachbereich Wirtschaft und Sozialwissenschaft.

Impulsvortrag von Professor Kuhnke
Ihr Fakultätskollege Ulrich Kuhnke hatte die Diskussion mit einem Impuls aus theologischer und ethischer Hinsicht eingeleitet. Er betonte, Selbstbestimmung sei ein "Kennzeichen der demokratischen Gesellschaft." Doch während in Deutschland Meinungs-, Presse- und Glaubens-, beziehungsweise Gewissensfreiheit herrsche, seien rundherum Rückschritte zu verzeichnen. Und auch hierzulande sei es mit der Selbstbestimmung auch noch nicht lange her, noch unsere Großelterngeneration habe nicht selbstverständlich darüber entscheiden dürfen, welchen Beruf sie ausüben wolle oder wen sie heirateten. Selbstbestimmung sei aber auch heute noch an Grenzen gebunden, meinte Professor Kuhnke, "sie ist vielleicht begrenzter, als wir wahrhaben haben wollen." Mancher Berufstraum eines Schülers zerplatze an den Realitäten. Vor allem der vielverheißende Wunsch nach Selbstverwirklichung könne nur in einer Lebenslüge enden, meinte der Theologe. "Das steht doch im Widerspruch zur Rechtfertigungslehre." Aber vor allem Lebenssituationen wie die Demenz erschwere die Selbstbestimmung. Diese sei immer auch eine Form der Gnade des Gegenüber, "indem ich mein Selbst als ein unvollkommenes Fragment betrachte."

Praxisbeispiele
Aber die Selbstbestimmung stoße auch an Grenzen der Betreuenden. Eine Heimbewohnerin habe eine ausgeprägte Sammelleidenschaft gehabt, vor allem sammelte sie Gummistiefel. Und obwohl ihre Wohnung von den Betreuern kaum noch zu betreten war, ließ man ihr diesen "Tick". Erst als Konflikte mit anderen Hausbewohnern eskalierten, musste die Frau mit einer Räumungsklage aus dem Heim entfernt werden.

Grenzen in der häuslichen Pflege
Dass auch betreuende Angehörige an Grenzen stoßen, verdeutlichte Gisela Löhberg. Die Apothekerin hatte jahrelang zunächst ihren Vater, später ihren Mann betreuen müssen. "Das ist ein Fulltime-Job, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr." Man müsse vorher wissen, worauf man sich einlasse. Doch in den seltensten Fälle sei die Übernahme einer Pflege eine freie Entscheidung, und nur im günstigsten Fall geschehe dies aus Liebe oder Dankbarkeit, oft eher aus Pflichtgefühl. "Da bleibt die Selbstbestimmung rasch auf der Strecke." Meist seien Frauen die Pflegenden; sie litten dann unter finanziellen Einbußen und Verlust sozialer Kontakte. "Der Takt des Alltags wird fremdbestimmt." Aber, so machte Gisela Löhberg deutlich: "Einer Pflegeperson kann es nur so gut gehen, wie es ihrer pflegenden Person geht." Entscheidend sie die Balance von Selbstbestimmung und Rücksichtnahme. Sie rät pflegenden Personen, sich um Freiheiten zu schaffen, sich um Hilfe zu kümmern und diese auch anzunehmen. Und nicht zuletzt: "Sie müssen lernen, Grenzen zu akzeptieren und zu erkennen, wann eine Heimunterbringung besser ist."

Das Recht auf würdevolle Behandlung
Professorin Elke Hotze unterrichtet nicht nur angehende Pflegekräfte, sondern hat auch selbst Erfahrung mit Pflege eines dementen Familienangehörigen. Sie sagt, man könne leicht sagen, bei schwerer Demenz gebe es keine Selbstbestimmung mehr. Doch diese Ansicht könne sie nicht vertreten. "Es bleibt immer das Recht auf würdevolle Behandlung und Selbstbestimmung." Es sei Aufgabe pflegender Personen, die Wünsche und Bedürfnisse des dementen Menschen zu erfragen oder zu erspüren. Da sei es sehr hilfreich, dass es heute eigene Berichte dementer Menschen gibt. "Bisher haben wir nur über diese Menschen gesprochen, jetzt lassen wir sie selbst zu Wort kommen."

Biografiearbeit
"Bedürfnisse" sieht Professor Kuhnke als Schlüsselbegriff. Es gebe Menschen mit einer natürlichen Begabung, diese zu erspüren. Aber auch in der Ausbildung sei viel zu lernen über Mimik und Gestik dementer Menschen, die das Erkennen der Bedürfnisse ermögliche. Leicht sei das nicht, da jeder an Demenz erkrankte Mensch ein Individuum sei. Aus ihrer Erfahrung mit ihrem Mann berichtete Gisela Löhberg, dass sie ihren Mann gut verstanden habe, obwohl er nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen konnte. So habe sie schnell erfahren, dass er lieber Königsberger Klopse als Gemüsesuppe Essen wolle. "Aber, selbst es sein Lieblingsgericht ist, will ihr Mann ja nicht jeden Tag Königsberger Klopse essen", verdeutlichte Professor Kuhnke. Und seine Kollegin Hotze betonte, deswegen sei Biografiearbeit mit dementen Menschen so wichtig; nicht nur, um seine Lebensgeschichte kennenzulernen, sondern um Veränderungen im Verhalten feststellen zu können. "Dann können wir eher erkennen, was er wünscht und was für ihn gut ist." An dieser Stelle hakte Sabine Weber mit ihrer zuvor geäußerten Forderung nach mehr Zeit in der Pflege ein. Das Beobachten eines Patienten, um seine Eigenheiten kennenzulernen und sie zu reflektieren, koste eben Zeit. Die Pflegeversicherungen hätten zwar von viel mehr möglich gemacht. Aber es bedürfe immer noch einer grundlegenden Veränderung der Pflegefinanzierung.