TSCHERNOBYL-FERIENKINDERAKTION - Erholung von der radioaktiv-verseuchten Heimat

Osnabrück. Vor 29 Jahren ereignete sich die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Regionen in der Ukraine und im benachbarten Weißrussland wurden verstrahlt. In vielen europäischen Ländern gründeten sich Organisationen, um Kindern aus den Regionen einen Urlaub in gesunder Umgebung anzubieten. In Osnabrück startete die Hilfsaktion 1992. Karl-Heinz Rolfes ist seither dabei und spricht im Interview über die Aktion.

Karl-Heinz Rolfes, Osnabrück
Von Anfang an aktiv im Osnabrücker Organisationsteam: Karl-Heinz Rolfes. Foto: Jörn Martens

Herr Rolfes, heute startet die 24. Osnabrücker Ferienaktion für Tschernobyl-Kinder. Wie viele Kinder haben seither teilgenommen?

Das hab ich mal gezählt. In den gesamten Jahren waren es 1631 Plätze. Das entspricht aber nicht der Zahl der Kinder, weil viele von ihren Gasteltern zweimal zu einem Besuch eingeladen werden.

Wie hat die Aktion in Osnabrück angefangen?

Die Idee ist in der evangelischen Landeskirche Hannovers geboren worden. Das Ehepaar Stoevesandt aus Neuenkirchen bei Rotenburg, ein Arzt und seine in der Kirche aktive Frau, haben Weißrussland besucht und danach vorgeschlagen, Kinder aus den verstrahlten Regionen einzuladen. Im ersten Jahr 1991 haben sich 8 Kirchenkreise beteiligt. Pastor Christian Baethge war damals Mitglied im Ausschuss „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ und hat, unter anderem auch schon damals mithilfe der NOZ, im Folgejahr nach Gastfamilien gesucht. Die Konfession oder „Nichtkonfession“ spielt dabei keine Rolle. Zur ersten Aktion 1992 kamen 83 Kinder.

Das Unglück liegt fast 30Jahre zurück. Warum finden immer noch Ferienaktionen statt?

Die Regionen nahe Tschernobyl sind nach wie vor stark von den damaligen radioaktiven Niederschlägen verseucht. Auch die nachfolgenden Generationen leiden unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Typisch sind Schilddrüsenerkrankungen, leider auch Krebs. Vier Wochen Urlaub in gesunder Umgebung soll das Immunsystem der Kinder für ein Jahr stärken. Schwer erkrankte Kinder werden in speziellen Ferienangeboten aufgenommen, aber nicht in Osnabrück.

Gibt es weitere Hilfen für die Menschen vor Ort?

Dabei ist neben der Landeskirche auch die niedersächsische Landesstiftung „Kinder von Tschernobyl“ aktiv. Sie versorgt Krankenhäuser in den verstrahlten Regionen mit Ultraschallgeräten zur Früherkennung und Behandlung von Schilddrüsenkrankheiten. Je früher die Krankheit diagnostiziert wird, desto größer sind die Chancen auf Heilung. Damit die Flugzeuge, die die Kinder zur Ferienaktion nach Niedersachsen bringen, nicht leer zurückfliegen, werden Hilfsmittel und Geräte beim Rückflug transportiert.Über die Aktion der Landeskirche werden auch Ärzte aus Weißrussland zu Hospitationen an niedersächsischen Krankenhäusern eingeladen. Wenn Ärzte nach Osnabrück kommen, suchen die Organisatoren der Ferienaktion private Unterkünfte.

Haben auch schon viele Gasteltern die Heimat ihrer Ferienkinder besucht?

Ja, allerdings ist das ein bisschen weniger geworden. Schließlich muss sich jemand um die Organisation kümmern. Früher hat die Osnabrücker Aktion auch Gastelternreisen angeboten, an denen zehn bis zwanzig Personen teilgenommen haben. Auch in Hannover wurden zeitweise Fahrten geplant. Inzwischen gibt es nur noch vereinzelt Reisen auf private Initiativen.

In den 90er-Jahren kamen immer um die 90 Kinder nach Osnabrück. In diesem Jahr sind es 37. Wird es schwieriger, Gasteltern zu finden?

Ja, auch wenn wir uns freuen, dass sich immer wieder neue Gasteltern melden.Einige Gasteltern, die über Jahre Kinder aufgenommen haben, haben sich aus Altersgründen zurückgezogen. Oft nehmen Gastgroßeltern teil: Die eigenen Kinder sind aus dem Haus, nun haben sie den Platz und die Zeit für Ferienkinder. Bei jüngeren Familien sind oft beide Elternteile berufstätig.Das Organisationsteam bereitet immer ein Programm vor, sodass die Kinder wochentags am Vormittag unterwegs sind und die Gasteltern entlastet werden – außerdem kommt so auch kein Heimweh auf. Wir versuchen, in Einzelfällen einen Fahrdienst zu organisieren, damit berufstätige Eltern die Ferienkinder nicht immer zu den Veranstaltungen bringen und wieder abholen müssen.

Wie viele Ehrenamtliche sind im Organisationsteam?

Acht bis zehn Personen sind über das Jahr an der Planung beteiligt. Während der kommenden vier Wochen sind einige unserer Ehrenamtlichen täglich engagiert. Neue Helferinnen und Helfer sind jederzeit willkommen.Informationen gibt es unter www.gomelkinder.de.

Die Jungen und Mädchen kommen aus der weißrussischen Region Gomel. Warum werden sie Tschernobyl-Kinder genannt?

Das habe ich mich anfangs auch gefragt. Aber der Begriff hat sich in vielen europäischen Ländern eingebürgert und macht sofort klar, worum es geht. Denn die Kinder sind von der Folgen der Tschernobyl-Reaktorkatstrophe betroffen.Durch die Windrichtung und Regen nach dem GAU hat die Region Gomel besonders viel vom radioaktiven Fallout abbekommen. In der Stadt leben 500000 Menschen, in der Region sind es 1,4 Millionen Einwohner. Dort ist Hilfe weiterhin nötig.Wir bemühen uns außerdem, sozial benachteiligte Kinder nach Osnabrück einzuladen. Von unseren 37 Gästen leben fünf in Einelternfamilien, von vier Kindern ist ein Elternteil verstorben, in drei Familien ist ein Elternteil arbeitslos.

NOZ - 01.07.2015 / Ulrike Schmidt