„Trösten – wie geht das eigentlich?“ - Junge Erwachsene sprechen in Hilter mit Landessuperintendentin Klostermeier über ihre Erfahrungen in der Jugendarbeit

Ende Juli brechen rund 150 Kinder und Jugendliche aus den fünf Gemeinden des Osnabrücker Südkreises nach Otterndorf auf, zu ihrer Konfirmandenfreizeit. Rund 115 Jugendliche im Alter von 13 Jahren werden dabei sein, genau wie 35 „Teamer“, also Begleiter oder Betreuer, im Alter zwischen 15 und 50 Jahren. Auf sie werden verschiedene Aufgaben zukommen; ein wichtiger Punkt wird das Trösten sein – zum Beispiel bei Heimweh, Liebeskummer oder wenn es einem Kind schwer fällt, von den anderen akzeptiert zu werden. Um diese Themen ging es auch bei einem Vorbereitungstreffen im Gemeindehaus in Hilter. Am Rande der Veranstaltung hat Landessuperintendentin Birgit Klostermeier mit fünf jungen Erwachsenen darüber gesprochen, wie sie Trost spenden und ob man Trösten überhaupt lernen kann.

„Man muss sensibel sein, glaube ich, und `Profi ́ genug, um zu wissen, wie man den oder die Jugendliche in seiner Traurigkeit gerade erreichen kann“, sagt die 23-jährige Sarah Brüggemann. Denn für das Trösten gibt es kein Patentrezept. „Oft geht es einfach ums Zuhören. Man muss gar nicht massenweise Ratschläge geben, einfach nur zuhören, und manchmal geht es dem Betroffenen dann schon besser“, findet die lebhafte junge Frau. „Manchmal ist es am besten, jemanden in den Arm zu nehmen. Aber oft tut auch einfach Ablenkung gut, damit gar keine Zeit mehr bleibt, traurig zu sein“, berichtet die 20-jährige Annika Kretschmann. Ein Spiel, ein Ausflug oder Musik könnten da helfen. „Das hängt ganz von der Person ab: von der Person, die Hilfe oder Trost sucht, und von der, die hilft oder eben tröstet“, so die Lehramtsstudentin.
          Denn Jungen und Mädchen verhalten sich im Fall von Heimweh, Liebeskummer und Co. ganz unterschiedlich. „Jungs suchen eigentlich selten Trost“, sagt der 20-jährige Lukas Horn, der seit sieben Jahren in der Jugendarbeit aktiv ist. „Das heißt nicht, dass sie nicht traurig sind, sondern vielleicht ist einfach ihre Hemmschwelle höher. Offenbar schämen sie sich mehr.“

Und noch einen Unterschied gibt es: Geht es um das Thema Herzschmerz, dann wenden sich die Konfirmanden eher an die jüngeren Teamer, die nur zwei oder drei Jahre älter sind als sie. „Das ist dann eher eine Kumpel-Ebene“, vermutet Lukas. Geht es aber um das Heimweh, das manche Kinder trifft, dann werden eher die älteren Teamer oder die Hauptamtlichen angesprochen. „Weil sie eher Maßnahmen ergreifen und beispielsweise die Eltern anrufen können“, sagt die 22-jährige Studentin der Sozialen Arbeit Maren Kramer. „Oder weil sie besser Mutter oder Vater ersetzen können“, so Lukas.
          Manchmal sind es offenbar aber auch die Mütter, die Trost brauchen, wenn sie ihre Kinder einmal für ein paar Tage nicht sehen können. Natalie Horn erinnert sich an eine Freizeit, in der ein Kind jeden Abend pünktlich zur gleichen Zeit zu Hause anrufen musste. „Erst anschließend war es dann jedes Mal traurig“, erzählt die 22-Jährige.
          „Woran merkt ihr, dass euer Trost jemandem geholfen hat?“ fragt Landessuperintendentin Birgit Klostermeier die aufgeschlossene und entspannte Gruppe. „Die Kinder lassen den Kopf nicht mehr so hängen, im wahrsten Sinne des Wortes“, berichtet die 22-jährige Maren. Ihre Probleme seien nach einem Gespräch nicht unbedingt gelöst, aber die Jugendlichen könnten die Welt wieder mit anderen Augen sehen. „Die Kinder verlassen ihre Trauerblase; sie integrieren sich wieder in die Gruppe“, ergänzt Natalie.

Auch die täglichen Andachten bei der Konfirmandenfreizeit greifen häufig die Themen auf, die die Jugendlichen gerade beschäftigen, wie eben der erste Liebeskummer oder auch das Thema Alleinsein. „Dann kann man sich damit auseinandersetzen, ohne es persönlich anzusprechen“, sagt Lukas, der zur Band der Freizeit gehört und bei den Andachten mit für die Musik zuständig ist. „Jeden Abend singen wir das gleiche Lied, auch das gibt ja etwas Halt; etwas Vertrautes, das in der fremden Umgebung immer gleich bleibt“, sagt Sarah.

Und das hilft auch den Teamern. Schließlich müssen sie manchmal erkennen, dass sie auch nicht in jedem Fall helfen können. „Manchmal wird man selber traurig, zum Beispiel, wenn man sieht, dass ein Kind trotz des eigenen Bemühens außen vor bleibt“, fügt die 23-Jährige hinzu. Wenn sie dieses Gefühl bis nach Hause begleitet, dann findet sie Trost, in dem sie mit ihrer Mutter darüber spricht.

Die fünf Teamer, die sich an diesem Abend im Gemeindehaus in Hilter mit rund zwei Dutzend anderen getroffen haben, haben alle viel mit ihrem Studium zu tun. „Wie schaffst Du das nur, neben all dem Uni- Stress?“ – diese Frage bekommen sie häufig von Bekannten zu hören. „Aber für mich ist die Jugendarbeit hier, mit den Konfirmanden, ein Trost. Hier fällt all der Stress ganz von allein ab“, sagt Sarah. Natalie, die inzwischen in Hannover studiert, schließt sich dem an: „Egal, wie wenig ich auf der Freizeit geschlafen habe und wie erschöpft ich körperlich bin – innerlich, geistig gehe ich entspannt nach Hause.“

Über das Projekt
Was ist es, was Menschen Trost bietet, wenn sie zum Beispiel ihre Heimat verloren haben? Was hilft einem Jugendlichen, andere zu trösten, die Probleme in der Schule oder im Elternhaus haben? Oder was geschieht, wenn jemand scheinbar untröstlich ist, weil er weiß, dass sein Kind sterben wird? Diesen Fragen geht die Landessuperintendentin Birgit Klostermeier in der Reihe „Sprengelfrüchte“ auf den Grund – in Gesprächen mit Ehrenamtlichen, mit Organisatoren, Seelsorgern und Betreuern. Seit Anfang Mai besucht sie das ganze Jahr über verschiedene Einrichtungen und Initiativen, um das Engagement im Sprengel Osnabrück zu erkunden. Thema der ersten Ausgabe des Projektes „Sprengelfrüchte“ ist die aktuelle Jahreslosung der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für das Bibellesen: „Gott spricht: Ich will euch trösten wie einen eine Mutter tröstet.“