Pastoren heute – Generation und Tradition in der Balance - Generalkonvent des Sprengels Osnabrück thematisiert Zusammenarbeit von Alt und Jung

„Pippi Langstrumpf“, antwortet die junge Vikarin Kristina Hagen auf die Frage, wer denn Heldin ihrer Kindheit und Vorbild sei auf dem Weg ins theologische Amt. Sie wünsche sich Pippi Langstrumpfs Phantasie, mit der diese aus engen Strukturen das Beste gemacht und sich mit Geschick und Witz bestehenden Traditionen widersetzt hätte.

Landesbischof Ralf Meister und Landessuperintendentin Dr. Birgit Klostermeier
Landesbischof Ralf Meister und Landessuperintendentin Dr. Birgit Klostermeier

Tradition und Struktur sind denn auch häufig die Themen, an denen sich die unterschiedlichen Generationen reiben, gerade auch in kirchlichen Arbeitsfeldern. Entsprechend lautete das Motto des diesjährigen Generalkonvents des Sprengels Osnabrück „Generation und Tradition.“ Rund 140 Pastorinnen und Pastoren fanden sich dazu am Donnerstag in der Bremer Martin-Luther-Gemeinde ein.

Auf dem Podium waren denn auch alle Generationen vertreten, vom Landessuperintendent im Ruhestand Dieter Zinßer über den Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche Pastor Renke Brahms und der hannoverschen Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann über Pastor Oliver Friedrich, Dozent am religionspädagogischen Institut Loccum bis hin zur Gemeindepastorin und stellvertretenden Superintendentin Dr. Andrea Burgk-Lempart, Pastor Simon de Vries und Vikarin Kristina Hagen. Die Moderation übernahm die Landesuperintendentin des Sprengels Osnabrück, Dr. Birgit Klostermeier.

Sie alle stehen für eine Kirche im Wandel, haben zu Veränderungen beigetragen oder erleben sie gerade jetzt. Ihre Erfahrungen stellten sie dem Publikum vor. So erinnerte sich Dieter Zinßer, dass er sich während seiner Studienzeit als Mitglied im AStA dafür eingesetzt und demonstriert hat, dass Frauen studieren dürfen. „Wir klärten die Bauern darüber auf, dass auch Mädchen Stipendien kriegen würden“, erinnert er sich.

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Renke Brahms hatte in seiner Studienzeit keine Idole, denen er nacheiferte: „Bei mir hingen weder Karl Barth noch Che Guevara an der Wand“, ein Kreuz und eine Ikone leiteten ihn durch sein Studium.

Mit ersten Reformen wurde Hanna Kreisel-Liebermann in ihrem Amt Mitte der achtziger Jahre konfrontiert. „Als ich nach dem Mutterschutz wieder auf meine Stelle wollte, fand das Ehepaargesetz Anwendung, da ging das nicht mehr. Es wurde verlangt, dass mein Mann und ich uns eine Stelle teilen.“ Daraufhin wäre sie beinahe aus dem Amt ausgeschieden, „denn es war uns unvorstellbar, gemeinsam in einer Gemeinde zu arbeiten.“ Durch eine andere Beauftragung blieb sie der Kirche erhalten.

Oliver Friedrich war Schulpastor an einer Berufsschule, bevor er in Loccum die gemeindepädagogische Ausbildung übernahm. „Das war eine wichtige Erfahrung für mich“, erinnert er sich, „Dort habe ich den Blick ins „echte“ Leben kennen gelernt, hier in Loccum lernen wir eher wie auf einer Insel in Gemeinschaft mit Menschen, die das gleiche Ziel haben.“

Für die Ausbildung der Vikarinnen und Vikare ist Andrea Burgk-Lempart verantwortlich. Auf die Frage, welche wichtigste Fähigkeit Pastorinnen und Pastoren haben sollten, konstatiert sie, es müssten zwei sein: Die Liebe zu den Menschen und zum Wort Gottes und die Fähigkeit, beides in den Alltag zu transportieren.

Simon de Vries, seit sechseinhalb Jahren im Pfarramt, steht für die neue Generation. Er widmet sich zum einen seiner Gemeinde in Nordhorn und betreibt zum anderen einen Blog, sozusagen seine zweite Gemeinde, die Kirche im Netz.

Die jüngste im Podiumsgespräch ist mit 27 Jahren Vikarin Kristina Hagen, sie gehört zu den Mitbegründerinnen des Think Tanks Theologie, dem „Verein Junger evangelischer NachwuchstheologInnen“ und vertritt die Generation Y.

Für die Jungen wie für die Alten gelte, dass Traditionen auch verlassen werden müssten, fasst Birgit Klostermeier zusammen. „Warten wir auf eine Pippi Langstrumpf, die uns rettet?“ und spielte damit darauf an, dass an die junge Generation hohe Erwartungen gestellt würden. Kristina Hagen gibt Einblick in ihre ersten Erfahrungen: „Wir sind eine Generation, die gern gestalten möchte, aber lässt man uns?“

Dieter Zinßer erinnert sich an die Veränderungsprozesse in der Kirche nach dem „Dritten Reich“. „Wir wussten, dass sich die Kirche nach diesem Desaster verändern musste, um anzukommen in der Welt, die verkündet worden war.“ Autoritär und gewalttätig, so sei die Tradition seines Vorgängers gewesen. Der Beginn seiner Amtszeit, so Zinßer, sei die Zeit des Aufbruchs gewesen.

Renke Brahms bekundete freimütig, er stamme aus der Zeit der Theologenschwemme – ohne Sicherheit auf ein Amt. „Mir war gar nicht klar, ob ich jemals die Gelegenheit bekäme zu verändern.“ Er appelliert an seine jungen Kolleginnen und Kollegen: „Wir brauchen Euch, in der alten Generation drohen wir zu erstarren.“

Hanna Kreisel-Liebermann berichtete von ihrem Aufenthalt an der Leipziger Universität. Im Gegensatz zu früher gebe es im Studiengang keine Front mehr zwischen Politik und Theologie sondern zwischen evangelikal und liberal. Die zukünftigen Theologinnen und Theologen hätten einen weiteren Blick, freut sie sich, viele hätten Auslandserfahrungen und damit auch die Chance, neues auszuprobieren.

Vom ersten Amtsfrust erzählt indes Simon de Vries. „Als ich vor sechs Jahren anfing in der Gemeinde, hatte ich einen Plan und dachte, ich wüsste, wie es geht. Nicht alles konnte ich umsetzen. Da bin ich demütiger geworden.“ Auch Kristina Hagen sorgt sich, dass die im Studium gewonnene Motivation schwinden könnte. Gespräche mit älteren Kollegen seien manchmal demotivierend, sie hätten mitunter resigniert. „Es gibt da eine Kultur des Lamentierens“. In Runden mit Pastorinnen und Pastoren gebe es mitunter einen Wettstreit, wer am meisten zu tun hätte und am ehesten unter der Bürde des Amtes zusammenzubrechen drohe.

„Wir kommen aus einer problemorientierten Kirchentradition, politisch geprägt von Themen wie Frieden und Umwelt. Die neue Generation sucht nach pastoraler Identität und Tradition“, beschreibt Andrea Burgk-Lempart und berichtet, während einer Reise nach Breslau hätten sich einige der Studierenden plötzlich Kollare gekauft – weiße Stehkragen, die in der Regel von Klerikern getragen werden. Auch Kristina Hagen berichtet von ganz unterschiedlichen Strömungen. „Einige Studierende beten dreimal täglich, andere leben die Villa Kunterbunt.“ Kirche sei in anderen Formaten möglich, müsse anders gedacht werden.

Was aber, fragte Landessuperintendentin Dr. Birgit Klostermeier, bedeute es für die Gemeinschaft der Ordinierten, wenn sie frommer, bunter, vielfältiger und offener würde? Was müsse sie anders machen? Als Stichworte fielen unter anderem, miteinander und nicht gegeneinander arbeiten, Gemeinschaft leben, Schweres teilen, sich wie der Sämann darauf verlassen, dass die Saat, das Wort Gottes, aufgeht, die Balance halten zwischen gnadenloser Selbstüberschätzung und resigniertem Rückzug, die Vielfalt zulassen und wertschätzen, wechselseitig voneinander profitieren, sich zuhören, dem Geist der Befreiung und Erfahrung vertrauen. Dieter Zinßer regte an, das Verbindende und nicht das Trennende zu kultivieren.

Wie lassen sich diese Erkenntnisse mit der Alltagswirklichkeit der Pastorinnen und Pastoren aus dem Generalkonvent verbinden? Die Beispiele aus der Praxis des Publikums, szenisch umgesetzt vom Bremer Playback-Theater unter der Leitung von Katharina Witte, waren ebenso vielfältig wie die des pastoralen Generationengesprächs.

Es gab Sternstunden aus der Vikariatszeit, wo unter dem Motto „Gott und Pop“ Jugendgottesdienste gefeiert wurden in einer Gemeinde, wo man meinte, „hier geht eigentlich nichts.“ Ein Pastor konnte berichten, dass sein diakonischer Erfahrungsschatz, den er als Junior in die Gemeinde einbringen wollte, im Diakonieausschuss nichts zählte. Er stieß auf Widerstände, „was einer gelernt hat, das zählt hier gar nichts“, musste er sich anhören. Pastorinnen hießen zu Beginn der Frauenordination noch Vikarin. Auch als sich das geändert hatte, berichtet eine Pastorin, hieß es in ihrer Gemeinde noch „Herr Pastor und Frau Sowieso“. Und es fielen Sätze wie „ich habe da eine Kollegin, für „einige“ ist das auch ganz wichtig“.

Und wie ist es, wenn jemand mit vielen Pflänzchen in eine Gemeinde kommt, in der schon viele Pflanzen wachsen? Wer entscheidet, was Bestand hat und was vielleicht ersetzt werden kann, wenn nicht alles zu leisten ist? Kann auf traditionelle Gottesdienste verzichtet werden, wenn andere Gottesdienstformate viel besser bei der Gemeinde ankommen? Was macht eine junge Pastorin, die bereits erfolgreiche Konfirmandenarbeit geleistet hat, wenn es in der neuen Gemeinde gar nicht klappt? Wie gut, wenn die erfahrenen Kollegen unterstützend eingreifen.

Ein junger Pastor berichtete von seinen Studienerfahrungen in Oslo. „Als Ausländer durfte ich in der norwegischen Gemeinde Vertretung machen, da hatte ich meine erste Beerdigung. Beim Vikariat in Deutschland wurde ich ausgebremst. Im System der Hannoverschen Landeskirche sind wir noch sehr lange „die Kleinen“, das ändert sich erst nach fünf bis sechs Jahren.“

Das Playback-Theater setzte die Beispiele gekonnt in kleinen Szenen um, die eine befreiende Wirkung hatten. „Wie schön, dass ich jetzt Tränen darüber lachen durfte, damals war es sehr schwer“, bedankte sich eine Pastorin für die Umsetzung ihres Themas.