Kundgebung „Osnabrück schützt Flüchtlinge“ - Statement von Superintendent Friedemann Pannen

Ich bin beeindruckt von dem Engagement der Osnabrückerinnen und Osnabrücker für Flüchtlinge in unserer Stadt und in unserem Land. Sie alle, die Sie heute gekommen sind, zeigen das helle Gesicht Deutschlands! Zivilgesellschaftliches Engagement, wie wir es derzeit in Stadt und Landkreis Osnabrück erleben – ich denke hier auch an Bramsche/Hesepe – ist die Osnabrücker Antwort auf Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, es ist unsere Antwort auf Unflätigkeiten und Gewalt gegen Flüchtende an europäischen Grenzzäunen, und es ist die Osnabrücker Antwort auf verbale Missgriffe gegenüber Asylbewerbern in Funk und Fernsehen.

Ich höre von der Leiterin unseres Flüchtlingshauses im Natruper Holz, dass sich in den letzten Wochen zig Ehrenamtliche bereitgefunden hätten, Deutsch zu unterrichten und damit wesentlich zur Integration der Flüchtlinge in unserem Land beitragen. Die Spendenbereitschaft ist erfreulicherweise ungebrochen groß. Zeit-, Geld- und Sachspenden erreichen die Diakonie und andere Wohlfahrtsverbände für die Versorgung der Flüchtenden. Das ist ein großartiges Signal.

Ich hoffe und wünsche mir, dass wir bei allem Engagement einen langen Atem haben. Nicht jedes Hilfsangebot kann derzeit schnell umgesetzt werden. Im Vordergrund steht angesichts der dramatischen Entwicklungen der letzten Wochen die unmittelbare Versorgung der Flüchtlinge mit Wohnraum, Verpflegung, medizinischer Betreuung. Damit haben in den Erstaufnahmeeinrichtungen und in den Kommunen die Professionellen alle Hände voll zu tun. Ich danke allen, die das derzeit oft bis an den Rand der Erschöpfung leisten. Ich will besonders die Mitarbeitenden des Landes in der Erstaufnahmeeinrichtung in Bramsche erwähnen.

Ich appelliere an alle, die sich freiwillig engagieren wollen, nicht gleich zu verzagen oder verärgert zu sein, wenn ihr persönliches Angebot nicht unmittelbar angenommen und umgesetzt werden kann. Wir brauchen angesichts der Herausforderungen, vor denen wir in dieser Stadt und in unserem Land stehen, Geduld und langfristiges Engagement der Zivilgesellschaft. Kurzfristiges, mediale Effekte heischendes Engagement ist nicht immer hilfreich.

Wenn wir die Aufgaben der Integration hunderttausender Flüchtlinge wirklich bewältigen wollen, brauchen wir auch noch - und sicher erst recht - in zwei und drei Jahren ehrenamtliches Engagement für Deutschunterricht und Spenden, die Kinderbetreuung ermöglichen. Wir brauchen auch in zwei bis drei Jahren Kleider, die Schwangere auch im deutschen Winter wärmen. Wir brauchen auch dann noch Kundgebungen zum Schutz von Flüchtlingen, wenn sich in unserem Land die Stimmung verändern sollte, weil viele die Belastung als zu groß empfinden.

Ja, diese Herkulesaufgabe, vor der wir stehen, ist auch eine Belastung für uns und unser Land. Ängste, die Menschen heute zum Ausdruck bringen, sollen und dürfen wir nicht kleinreden, wenn wir mit dem Thema verantwortlich umgehen wollen. Sie zu äußern, wo notwendig aufzuklären und in einen gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, ist auch Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Dieser stellen sich die Vertreter des Runden Tisches der Religionen mit ihren Kirchen und Gemeinschaften. Nur wenn wir mit Betroffenen reden, wenn wir in Medien realitätstreu informieren und mit Bürgerinnen und Bürgern, die Angst vor dem haben, was auf Kindergärten, Schulen, Kommunen, Sozialhilfe, auf unsere Gesellschaft insgesamt zukommt, in den ernsthaften Dialog treten, werden wir diese Aufgabe bewältigen können.

Dazu gehört auch die Wahrheit, dass Abschiebung möglich sein muss. Wer sich politisch für ein Einwanderungsgesetz einsetzt, ist nicht automatisch gegen Abschiebung. Als Kirchen und Wohlfahrtsverbände fordern wir Regelungen des Zuzugs, die in ein neu zu gestaltendes Einwanderungsrecht einmünden sollen. Dies sollte Menschen, die aus wirtschaftlicher Notlage ihr Land verlassen müssen, in reglementierter Weise Zuzug nach Deutschland ermöglichen. Wir sagen aber auch, dass Menschen, die nach Einzelfallprüfung weder Recht auf Asyl haben noch unter gesetzliche Bestimmungen der Zuwanderung fallen, abgeschoben werden müssen. Dass solche Abschiebungen humanitär zu gestalten sind, ist für mich selbstverständlich und bedarf immer wieder der kritischen Begleitung.

Bei alledem bleibt: Vor allem wir als nordeuropäische Staaten müssen unsere Anstrengungen deutlich vergrößern, Fluchtgründe zu vermindern. Ich bleibe bei meiner Auffassung, dass Nordeuropa für fliehende Menschen aus Afrika und vom Westbalkan mit Verantwortung trägt. Unsere Wirtschaftspolitik hier geht auch zu Lasten der Menschen anderer Länder. Wenn die niedersächsische Fleischindustrie mit ihren Abfällen den afrikanischen Markt kaputt macht, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Afrikanern die Lebensgrundlagen entzogen werden und sie sich auf lebensgefährliche Fluchtwege einlassen. Auf diese Zusammenhänge zwischen unserer Region, der afrikanischen Wirtschaft und Flüchtlingen, die hier bei uns ankommen, haben Prälat Peter Kossen aus Vechta und die Caritas seit langem hingewiesen. Für deren Engagement bin ich sehr dankbar.

Ich bin im Frühjahr im Libanon gewesen und habe aus erster Hand erfahren, dass zerbombtes syrisches Land schon heute unter Investoren verteilt wird, die im Libanon ihre Büros eröffnen oder aufstocken, weil sich die westliche Bauindustrie nach Ende eines Bürgerkriegs in Syrien Gewinne verspricht. Das ist doch absurd. Aber diese Absurdität gehört mit zur ganzen Wahrheit des Themas. Heute ist ein ermutigender Tag für unser zivilgesellschaftliches Engagement in Osnabrück. Wir stärken uns mit dieser Kundgebung gegenseitig in unserem Einsatz für die Menschen, die zu uns kommen. Und wir setzen ein Zeichen der Solidarität und des Willkommens.

Liebe Osnabrückerinnen und Osnabrücker, Ihnen rufe ich zu: Wir schaffen es! Und den Flüchtenden möchte ich sagen: Dear guests from Iraq, Afghanistan, Africa, Albania, Kosovo, Serbia, or wherever you are coming from, you are welcome here in Osnabrück.