Kongress „Religion, Reformen und gesellschaftlicher Wandel“

Am 22./23. Februar 2017 fand an der Universität Osnabrück ein internationaler und interreligiöser Kongress unter dem Titel „Religion, Reformen und gesellschaftlicher Wandel in Politik, Wirtschaft und Bildung“ mit über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Zur Veranstaltergemeinschaft gehörten die drei theologischen Institute der Universität Osnabrück und die Stadt Osnabrück mit ihrem Büro für Friedenskultur. Am Kongress wirkten die Jüdische Gemeinde Osnabrück, der Runde Tisch der Religionen sowie die Osnabrücker Friedensgespräche mit.

Die Teilnehmenden hoben den besonderen interreligiösen ‚Geist‘ der Veranstaltung vor. Ein derart konstruktives Zusammenspiel von Religionsgemeinschaften, Stadt und Universität ist außergewöhnlich und sollte von allen Beteiligten nicht als selbstverständlich angesehen werden. Der interreligiöse Dialog ist auf einem neuen Niveau angekommen. Es geht nicht mehr nur um ein Kennenlernen, sondern um eine gemeinsame Arbeit an Sachthemen.

Politik

  • Die hier lebenden religiösen Menschen wollen in erster Linie als Individuen sowie als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger angesehen werden, die ihre Religionsfreiheit (Art. 4 GG) wahrnehmen. Die Gegenüberstellung insbesondere von ‚Deutschen‘ und ‚Muslimen‘ ist nicht nur unsinnig, sondern auch falsch.
     
  • Es ist Aufgabe der Religionsgemeinschaften, ein Verständnis der religiösen Vorschriften und Regeln zu entwickeln, das mit der als selbstverständlich vorausgesetzten Geltung des Grundgesetzes und der staatlichen Gesetze im Einklang steht.

  • Als wesentlicher Teil der deutschen staatsbürgerlichen Identität gilt die Bekämpfung des Antisemitismus und anderer Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

  • Die historisch gewachsene gewisse Sonderstellung der christlichen Kirchen muss neu diskutiert werden, insbesondere hinsichtlich der Staatsleistungen und des kirchlichen Arbeitsrechts.

  • Die Frage der Organisationsform des Islam in Deutschland muss weiter diskutiert werden; es bleibt fraglich, ob der Islam wirklich erst ‚kirchenförmig‘ werden muss, um seine Teilhaberechte wahrnehmen zu können, oder ob sich auch eine stärker der islamischen Tradition verpflichtete Organisationsform denken ließe. 

Wirtschaft

  • Religion kann eine wichtige Ressource für Unternehmensethik sein. Das Leben gemäß der eigenen religiösen Identität muss von Führungskräften nicht auf den Feierabend oder auf einen späteren Zeitpunkt im Leben verschoben werden.

  • Zeiten der Pause haben in allen drei beteiligten Religionen eine hohe individuelle und gesellschaftliche Bedeutung; nicht nur um der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit willen, sondern weil Arbeitsruhe und Gelegenheit zur Kontemplation ein Wert an sich sind.

  • Religionen haben aufgrund ihrer globalen Vernetzung die Möglichkeit, wirtschaftliche Globalisierung kritisch zu begleiten und zu reflektieren sowie auf die Einhaltung nationaler und internationaler Standards im Arbeitsrecht und in Tariffragen zu dringen. 

Bildung

  • Alle drei Religionen betonen die Bedeutung der ganzheitlichen Bedeutung der Bildung über die Fachausbildung hinaus.

  • Der Rahmen der Regelung zum Religionsunterricht nach Art. 7.3 GG wird begrüßt. Die Bedeutung des Religionsunterrichts für die Möglichkeit einer stabilen religiösen Identität wird hervorgehoben. Auf ihrer Basis sollen die Chancen zu vertiefter Kooperation zwischen den Religionsgemeinschaften und Konfessionen beherzt ergriffen werden. 


Die Teilnehmenden wünschten sich dringend die Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit an den Sachthemen. Die theologischen Institute begreifen den Transfer des theologischen Wissens in die weitere Öffentlichkeit als eine ihrer zentralen Aufgaben. Der Kongress hat die Zusammenarbeit der theologischen Institute vertieft und auch vielfache Anregungen für gemeinsame Forschungsarbeit gegeben. Wenn möglich, soll bei einer Folgeveranstaltung die europäische Ebene verstärkt mit einbezogen werden.